Montag, 12. September 2016

Kollegengespräche - Nietzsches Kämpfe

Vielen Dank, Simon Reiss, für die experimentelle essaiistische Antwort, die erneut mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert.

Ich bin mir nicht sicher, ob Nietzsche tatsächlich Ideale hatte, wenn, waren sie sicher kämpferischer Natur in der Gestalt, dass er sich  gegen Ideale und der daraus resultierenden Macht auflehnte. Beschreibt er nicht schon im Zarathustra, dass der Mensch, der alle Antworten (für sich) gefunden zu haben scheint,  sich als Übermensch sieht, doch lediglich als Lehrer auftritt und damit scheitert, weil sein Wort von jedem anders verstanden wird und jeder eigene Antworten benötigt?

Versucht Nietzsche nicht viel mehr, uns damit zu konfrontieren, uns freigeistig fern von Ideologien zu bewegen und uns mit unseren Schattenseiten zu konfrontieren, die uns im Angesicht der Ideologie verborgen bleiben und dazu führen, dass sie überraschend als unkontrolliertes Böses aus uns hervorpreschen können, wenn Ideale nicht mehr die Vernunft tragen können, wie z.B. bei Hungersnöten oder im Krieg?  Können wir nicht nur dann zu wahreren Werten emporklimmen, wenn wir uns der Schattenseiten der Menschen im allgemeinen und unser eigener bewusst werden, sie nicht durch Ich- oder Weltideologien ausblenden?

"Du solltest Herr über dich werden, Herr auch über die eigenen Tugenden. Früher waren "sie" deine Herren;aber sie dürfen nur deine Werkzeuge neben anderen Werkzeugen sein. Du solltest Gewalt über dein Für und Wider bekommen und es verstehn lernen, sie aus- und wieder einzuhängen, je nach deinem höheren Zwecke. Du solltest das Perspektivische in jeder Wertschätzung begreifen lernen - die Verschiebung, die Verzerrung und scheinbare Teleologie der Horizonte und was alles zum Perspektivischem gehört; auch das Stück Dummheit in bezug auf entgegengesetzte Werte und die ganze intellektuelle Einbuße, mit der sich jedes Für, jedes Wider bezahlt macht. Du solltest die "notwendige" Ungerechtigkeit in jedem Für und Wider begreifen lernen, die Ungerechtigkeit als unablösbar vom Leben, das Leben selbst als "bedingt" durch das Perspektivische und seine Ungerechtigkeit ..." (Vorrede zu Menschliches, Allzumenschliches, 6)

Hier steht Nietzsche ganz entgegengesetzt zu Hobbes, der in seinem Levethian fordert, dass alle Bürgerrechte abgegeben werden sollen an den Souverän, der die alleinige Entscheidungs- und Schutzmacht inne haben soll. Eine Idealisierung des Absolutismus, die Nietzsche niemals gebilligt hätte, lehnte er doch jede Macht ab, die mit Entmündigung des eigenen Geistes einhergeht. (Anm.: Die Kritik zu Levethian entnehme ich lediglich Kommentaren, gelesen habe ich ihn nicht).

Ich denke auch nicht, dass Nietzsche affektive Reaktionen schätzt, er stellt lediglich fest, dass sie dem Menschen eigen sind, zumindest vor der Umwertung der (eigenen) Werte, die von Kirche, Staat und Moral vorgegeben werden, hierzu ein Zitat aus Menschliches, Allzumenschliches:

Grausame Menschen als zurückgeblieben. - Die Menschen, welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen "früherer Kulturen" gelten, welche übrig geblieben sind: das Gebirge der Menschheit zeigt hier einmal die tieferen Formationen, welche sonst versteckt liegen, offen. Es sind zurückgebliebene Menschen, deren Gehirn, durch alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und vielseitig fortbebildet worden ist. Sie zeigen uns, was wir alle waren und machen uns erschrecken: aber sie selber sind sowenig verantwortlich, wie ein Stück Granit dafür, dass es Granit ist. In unserem Gehirne müssen sich auch Rinnen und Windungen finden, welche jener Gesinnung entsprechen, wie sich in der Form einzelner menschlicher Organe Erinnerungen an Fischzustände finden sollen. Aber diese Rinnen und Windungen sind nicht mehr das Bett, in welchem sich jetzt der Strom unserer Empfindungen wälzt.

Nietzsches Leben war geprägt von Niederungen, denen er sich durch seine Erkrankung immer wieder stellen musste, aus dem gefesselten, geknebelten Ich  ging jedoch nach der Befreiung von Krankheitsschüben auch immer sein freies Denken hervor, seine Fähigkeit alle Werte und auch die eigenen Tugenden zu hinterfragen. Mit den eigenen Schwärmereien und Idealen ging er hart ins Gericht (Wagner, Schopenhauer), auch mit den Idealen seiner Herkunft (er stammte aus einer Priesterfamilie). Selbst den eigenen Stärken begegnete er argwöhnisch.

Das permanente Hinterfragen der eigenen Werte, des eigenen Glaubens, der eigenen Schattenseiten, der Perspektiven, der Hierarchien, der Mächtigen, kann durchaus Angst machen, stellt es doch nicht nur die Welt auf den Kopf, sondern auch die eigene Person. Das Neuordnen ist mühsam und kostet Zeit, bequemer ist es sicher, sich selbst und die normativen Werte seiner Zeit und/oder seiner Gemeinschaft zu idealisieren oder sich ihnen wenigstens anzupassen.

Dass jeder Mensch den Kampf mit den Abgründen in sich immer mal wieder zu spüren bekommt, bewegt bei weitem nicht alle, sich mit diesem auch auseinanderzusetzen, dazu gibt es in unserer Zeit zu viele Möglichkeiten, ihn nach außen zu transportieren und zu transformieren, seien es kriegerische Computerspiele, künstliche Feindbilder, Shitstorms im Internet und vieles mehr. Hier ist Nietzsches Glaube, Europa sei zu einem freien Geist fähig, noch weit entfernt.




Kollegengespräche - Nietzsche und kämpferische Ideale

Aphorismen:Nietzsche schätzt kämpferische Ideale (vgl. "Also sprach Zarathustra: Von der Ehe ", die Rollenverteilung sollte gestaltet sein: der Mann als Krieger; die Frau soll Hort für den Krieger sein ;
[ zur Rolle der Frau bei Nietzsche ; vgl. Beitrag von Anja Wurm zum Dienen der Frau] )

Nietzsche wird von vielen insgeheim gefürchtet ;wir fürchten uns, dass er angreift; auch und vor allem hinterlistig;das sagt man ihm nach:" Zerstörter der Vernunft "(Theodor W. Adorno), bzw.'Proto-faschisisch' (Jürgen Habermas) man sagt eine dunkle Wahrheit; "sie" konnten nicht an ihm "vorbei"? Wer? Seine Apologeten und Kritiker;

Auch oft verfemt : Thomas Hobbes (Leviathan) der zentral den Staat als Institution des Objekt-Schutzes installiert und das Gewaltmonopol dem Staat zuspricht; der Autor der "Befriedung" des " Territoriums"..man irrt in Hobbes einen Verteidiger der Güter zu sehen; er setzt sich für die Besitzer ein; Menschen; und: er greift an; er setzt sich leidenschaftlich dafür ein, dass das Duell unvermeidbar ist; schätzt, dass die Griechen in der Freibeuterei einen tapferen Berufstand sahen; und er sagt Duelle müssten gesondert behandelt werden; gesetzlich regelbar sind sie ; aber er denkt: gelegentlich unvermeidbar ; er schätzte den Wert des prähistorischen Menschen: Tapferkeit; Nietzsche ebenso;

Nietzsche ; Hobbes ; jeder von beiden schätzt affektive Reaktion. Kriegerische Ideale verweisen auf Krieg; Kriege finden bei uns, so schliesst man sich gerne Sigmund Freud [ Das Unbehagen in der Kultur] an: zivilisiert statt; in politischen Diskursen oder: z.B.im Fussball etc.. sind z.B" einige meine ersten Gedanken dazu; und weiter: war es nicht früher üblich mit Schlimmeren aufeinander loszugehen? Muss dass ein "Zivilisierter" : Kämpfen?!?

Gegen-Frage : Hat sich der Charakter der Welt geändert ? hat die Evolution neue Mechanismen oder sind es die gleichen Gesetze oder hat sich nur der Rahmen geändert. ? - aber haben wir vor nichts mehr Angst, als wenn uns etwas angreift, das sich in unseren Kopf "einnistet"; Religion tut das gelegentlich ; Aber Nietzsche?!? Nach einiger Lektüre kann ich sagen; Hobbes; Nietzsche: beide greifen an; mit Worten; Nietzsche mit der Forderung der " Umwertung aller Werte" (vgl. Nietzsche: Der Antichrist, 1888, letzter Aphorismus) muss man sich (hier) vor Nietzsches Worten fürchten? Nein! Oder gar sie ehren? Vielleicht ; es wäre es "wert" über den Wert unserer höchsten Werte nachzudenken; sie neu zu hierarchisieren; nichts anderes meint er mit dem "Willen zur Macht" als die Umsetzung dieser Neu-Hierarchisierung, die Unwertung der Werte! Sehr zentrale Text-Passagen!

 Zurück zum Kriegerischen; Frage: Finden bedeutsame Kämpfe nicht heute "woanders" statt als früher ? Aber zu Nietzsches zurück und zu Foucault, der sich zentral auf Nietzsche bezieht!! Wie wertvoll sind Gedanken abgelöst davon, dass man immer einen Autor nennt? Mit dem Autor der sie sagt(e) als zentale Repräsentation des Gedankens? Ja! Man klebt am Autor - Das ist heute noch so! In der Post-Moderne; Internetzeitalter?

Foucault kannte es nicht; er, der den "Tod des Autors" verkündete; er starb 1984; wenige Monate nach meiner Geburt [Simon Reiss,Verfasser dieses Textes/Aphorismen] ; er gehört also wohl nicht zum Web 2.0, nicht zu diesem dieser Zeitalter. Zurück zum Kampf: ist er nicht unvermeidbar? Ist nun aber kämpfen nicht zentral;? Ja!! Nur: wie, wogegen, wofür! ; aber ein hoher "Wert" an sich !! Warum? Weil wir tapfer sein müssen! Die Welt ist kein Wunschkonzert; doch kämpfen die Wünsche miteinander! ; Ideen; Ideale; Ziele; Siege ; gibt es nichts, Werte, wofür es zu kämpfen lohnt?

In. J.R.R. Tolkiens Welten [ Das Silmarillon ; Nachrichten aus Mittelerde ; Der Herr der Ringe Bd. 1-3, Der kleine Hobbit] kämpfen die Helden; vor allem : gegen Drachen; und ihrem Herrn und Meister; den schwarzen Feind der Welt (Motgoth Bauglir, und Sauron, dessen höchsten Diener) ; und dass innerhalb einer Konzeption, einer  durch Materie gewordenen Wunsch-Gedanken-Welt [ vgl. J.R.R. Tolkien: Das Silmarillon m, Ainuedale] ;

Krieger singen! Wünsche tanzen! Gedanken kämpfen untereinander; wer hat das besser erkannt als Deleuze? Guattari, seine rechte Hand;? Wieder bleiben Namen; Tod des Autors heisst auch Tod Foucaults; aber es leben die Gedanken, gelöst von ihrem Wirt sind es "Gedanken, die leise auf Taubenfüßen gehen, die weltverändernd sind; um die Herrschaft auf der Erde kämpfen " (Nietzsche ; frei zitiert; Zitat leicht verändert) Viele Gedanken; auch die von Nietzsche ; er hat zentrale Einsichten formuliert ; wir sollten nicht feige daran vorbeigehen! Es leben die Gedanken !!

Simon Reiss

Sonntag, 11. September 2016

Kollegengespräche - Nietzsche und Frauenverachtung?

Ich möchte beginnen mit Nietzsches angeblicher Frauenverachtung, werden seine Texte oberflächlich gelesen, so mag an dem Vorwurf etwas dran sein, ich setzte mich bereits auf KUNO in Macht dienen glücklich oder mächtig? mit einem dieser Aphorismen aus Menschliches, Allzumenschliches auseinander und kam zu einem anderen Ergebnis.
In dem Zitat heißt es:

Die Frauen wollen dienen und haben darin ihr Glück und der Freigeist nicht bedient sein und hat darin sein Glück.

Hätte Nietzsche geschrieben: Die Frauen dienen, die Männer haben darin ihr Glück, könnte der Leser ihm zurecht eine Frauenverachtung unterstellen, das hat er aber nicht geschrieben

Durch das Wollen der Frau setzt er eine Entscheidungsmöglichkeit voraus, er sieht in der Frau ein mächtiges Wesen, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse durchsetzt, während der Mann in diesem Aphorismus so klein ist, dass er nicht einmal Erwähnung findet, nur der Freigeist kann sich der mächtigen Frau gegenüber behaupten, sich emanzipieren und das Bedientsein ablehnen.

Ich nehme hier eher eine Angst wahr vor der übermächtigen Frau, ähnlich wie in dem Eingangszitat von Weber, eine Angst, dass nicht der Verstand, sondern die Erotik der Frau regieren könnte, wenn Frauen mehr zu sagen haben. Nietzsche schaut hier bereits genauer hin, er stellt bereits fest,  dass die Frau etwas will und sich durchsetzt, völlig unabhängig von den Mitteln, die sie dafür einsetzt. Dass Nietzsche dies schärfer beobachten konnte als Weber, ist vermutlich u.a. der Tatsache geschuldet, dass er im Alter von 5 Jahren seinen Vater verlor und in einem reinen Frauenhaushalt aufwuchs, in dem Frauenmacht selbstverständlich war.

Andererseits schätzte Nietzsche die natürliche Intelligenz der Frauen, die im 19. Jahrhundert noch weitgehend von höherer Bildung ausgeschlossen wurden:

Mädchen als Gymnasiasten. - Um alles in der Welt nicht auch noch unsere Gymnasialbildung auf die Mädchen übertragen! Sie, die häufig aus geistreichen, wissbegierigen, feurigen Jungen - Abbilder ihrer Lehrer macht! (Menschliches, Allzumenschliches, 409)

Hier könnte der oberflächliche Leser annehmen, Nietzsche wollte Mädchen und Frauen von höherer Bildung ausschließen, im Nachsatz aber wird deutlich, dass Nietzsche sich gegen die Art der Bildung auf den damaligen Gymnasien ausspricht, die aus ehemals geistreichen Jungen, angepasste autoritätshörige, nicht mehr selbst denkende Männer macht (Abbilder ihrer Lehrer). Hier schreibt er der Frau eine nicht vom Mainstream belastete Intelligenz zu, die sich aus eigenem Nachdenken und Bilden entwickeln kann, die das Gymansium aber so weit zerstört, dass es intellektuelle Eliten nahezu ausschließt, er sieht in ihr den Freigeist, den der gewöhnliche, auch der gebildete, Mann kaum erlangen kann. Das erschließt sich u.a. weiter aus Satz 411:

Der weibliche Intellekt. - Der Intellekt der Weiber zeigt sich als vollkommene Beherrschung, Gegenwärtigkeit des Geistes, Benutzung aller Vorteile ...

Auch hier geht es wieder um eine Erhöhung der Frau und eine Abwertung des Mannes, denn weiter geht es mit:

... Dem widerspricht nicht, dass die Männer tatsächlich es mit ihrem Verstande so viel weiter bringen: sie haben die tieferen, gewaltigeren Antriebe; diese tragen ihren Verstand, der an sich etwas Passives ist, so weit ... 

Natürlich kann Angst auch in Verachtung umschlagen, wir können hier weiter untersuchen, ob das bei Nietzsche der Fall war oder ob er der Freigeist war, der sich emanzipiert hat.

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Montag, 5. September 2016

Kollegengespräche - Nietzsche, Macht und Erotik - Nietzsche und Faschismus? - 2

Herzlichen Dank an Simon Reiss für die einleitenden Worte zu den Kollegengesprächen.

Simon hat einige Fragen aufgeworfen mit denen ich mich auch noch näher befassen will, zunächst möchte ich mich aber zu seiner Anmerkung äußern, dass einige in Nietzsche den Wegbereiter des Faschismus sehen. Hierbei handelt es sich meiner Ansicht nach um Menschen, die sich weder mit Nietzsches Werken, noch mit seiner Biographie jemals ernsthaft auseinandergesetzt haben. Nietzsche war ein Wegbereiter der Aufklärung, er kritisierte sämtliche Ideologien, seien es philosophische oder religiöse, er öffnete die Augen für Doppelmoral und falsch verstandenen Humanismus, Philosophen, die machtkonform schrieben ...

Nietzsches sogenanntes Hauptwerk "Der Wille zur Macht" aber, auf das sich bei den Unterstellungen, Nietzsche sei ein Wegbereiter des Faschismus gewesen, bezogen wird,  hat nicht er, sondern seine Schwester Elisabeth geschrieben.

Elisabeth pflegte nach dem Bruch Nietzsches zur Familie Wagner Kontakt zu dem Antisemiten Bernhard Förster. Sie unterstütze eine Antisemitenpetition durch Förster an Bismarck, der jedoch die Annahme der Petition verweigerte.
In einem Brief an seinen Freund Overbeck schreibt Nietzsche über die Verbindung seiner Schwester zu dem Antisemiten Förster: „...die verfluchte Antisemiterei ... ist die Ursache eines radikalen Bruches zwischen mir und meiner Schwester." (Leibzig-Lese)

1885 heiratet Elisabeth Förster, Nietzsche nahm an der Hochzeit nicht teil.

Nachdem die Siedlung der arischen Rasse in Paraguay, in die sich das Paar Förster zurückzog, finanzielle Probleme bekam, beging Förster Selbstmord.

Ab 1889 lebte Nietzsche bis zu seinem Tod (1900) in geistiger Umnachtung. 1894 riss Elisabeth Förster-Nietzsche alle Rechte seines Nachlasses an sich und editierte sie, unwissenschaftlich und selbstherrlich.

Ein Jahr nach dem Tod des Bruders veröffentlichte Elisabeth das angebliche Hauptwerk Nietzsches "Der Wille zur Macht", das sich später als Fälschung Elisabeths herausstellte. Nietzsche selbst hatte nur wenige Zeilen in diesem Buch verfasst, die Elisabeth nach eigenem Ermessen erweiterte und ausschmückte. Auch Briefe fälschte sie. Auf das Werk Elisabeths ist es zurückzuführen, dass Nietzsche in Verruf geriet und ihm eine Nähe zum Faschismus unterstellt wurde.

Aber im Gegensatz zu den falschen Behauptungen brach Nietzsche sogar familiäre Beziehungen ab, nachdem Elisabeth sich zum Antisemitismus bekannte. Ideologien, noch dazu menschenverachtende waren Nietzsche ein Greuel.

Dazu noch ein Zitat aus Menschliches, Allzumenschliches, 43

Grausame Menschen als zurückgeblieben. - Die Menschen, welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen "früherer Kulturen" gelten, welche übrig geblieben sind: das Gebirge der Menschheit zeigt hier einmal die tieferen Formationen, welche sonst versteckt liegen, offen. Es sind zurückgebliebene Menschen, deren Gehirn, durch alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und vielseitig fortbebildet worden ist. Sie zeigen uns, was wir alle waren und machen uns erschrecken: aber sie selber sind sowenig verantwortlich, wie ein Stück Granit dafür, dass es Granit ist. In unserem Gehirne müssen sich auch Rinnen und Windungen finden, welche jener Gesinnung entsprechen, wie sich in der Form einzelner menschlicher Organe Erinnerungen an Fischzustände finden sollen. Aber diese Rinnen und Windungen sind nicht mehr das Bett, in welchem sich jetzt der Strom unserer Empfindungen wälzt. 

Quellen: http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=492
Der Wille zur Macht

Vor zu: Nietzsche und Frauenverachtung?
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Sonntag, 4. September 2016

Kollegengespräche - Nietzsche, Macht und Erotik - 1

Danke, Anja Wurm, für die Aufnahme dieses Dialogs. Schon in der Philosophiegruppe, in der wir das Thema angeschnitten haben, polarisierte das Thema sehr stark. Nun unter der Reformulierung des Themas zu Nietzsche, Macht und Erotik werde ich erst einmal zu diesen drei Themen Stellung beziehen. Nietzsche ist ein Philosoph, der sehr polarisiert, einige sehen in ihm den Wegbereiter des Faschismus, oder den Zerstörer der Vernunft  (Adorno), andere schätzen ihn wiederum in seinen aphoristischen kurzen Stellungsnahmen, die in jeder Hinsicht sehr differenziert sind und alle möglichen gesellschaftlichen Themenbereiche aufgreifen, sie schätzen vor allem sein genealogisches und nomadisches Denken, dazu gehöre ich. Friedrich Nietzsche hat sich in vielen Punkten eigentlich herablassend gegenüber Frauen geäußert, dies ist aber meiner Meinung nach eine eher oberflächliche Betrachtung der frühen Werke, die vor allem auf "Menschliches, Allzumenschliches" zurückgeht, später sind seine Aussagen auf den Themenbereich Macht fokussiert.

Für Macht gibt es verschiedene Diskussionsansätze, man unterscheidet zwischen der persönlichen Macht, die in der Kompetenz einer Person liegt sowie in ihren Möglichkeiten und der Macht, die in einer institutionellen Position liegt; des Weiteren gibt es verschiedene Positionen zum Thema Macht, Max Weber, der auch schon in der Eingangsdiskussionen zur Sprache kam, hat eine sehr sinnvolle nietzscheanische Definition geliefert, diese besagt: Macht soll heißen, die Chance den eigenen Willen gegen den Widerstand durch Dritte durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.

Andere Ansätze, wie zum Beispiel von Michel Foucault sind ebenso nietzscheanische Positionen, doch beschreiben sie eine Mikrophysik der Macht, die auch eine Überwindung der Repressionshypothese Freuds darstellt, indem Macht vor allem als proaktiv anregend fördernd gesehen wird und nicht in erster Linie als einschränkend. Hier wird vor allem das Wie der Macht und nicht das Was der Macht betrachtet, das heißt, es geht eher um komplexe Zusammenhänge, was Machtverhältnisse sind.
Hier entwickelte Foucault zum einen das Konzept der Disziplinarmacht, also der Macht, die direkt auf den Körper abzielt, und das der Biomacht, also der Macht, die auf die Bevölkerung abzielt. Diese Ansätze von Macht will ich als erstes in den Raum stellen.

Zu Erotik: Erotik ist ein Feld, dass in der Psychoanalyse vor allem von Herbert Marcuse bearbeitet wurde in "Der eindimensionale Mensch". Marcuse beschreibt hier die enge Verknüpfung von Kapitalismus und Erotik, die sich wechelseitig verstärken; innerhalb der gender studies wird Erotik  als etwas Problematisches betrachtet, da es als gesellschaftlich normativ konstruiertes Feld gilt und  männliche wie weibliche Verhaltensweisen als Allianz gesehen werden, die völlig geschlechtsunspezifisch betrachtet werden.

Bei der Erotik geht es vor allem um eine zentrale Frage: Darf  sie zur Machterlangung eingesetzt werden? Wenn sie einsetzt wird, ist das legitim? Ist das billig? Ist das angebracht? Oder sollte aus professionellen Gründe darauf verzichten? Schadet die Anwendung von Erotik? Wie steht es um die den Einsatz von Erotik im Berufsleben? Wie ist es mit Erotik als Machtfaktor innerhalb von Partnerschaften?

Nun will ich das Wort an Anja Wurm übergeben, einleitende Gedanken zu dem Thema habe ich nun dargelegt.

Weiter zu: Nietzsche und Faschismus?

Simon Reiss

Samstag, 3. September 2016

Kollegengespräche - Nietzsche, Macht und Erotik - 0

Aus einer Facebookdiskussion zu einem inhaltlichen Zitat nach Max Weber ist die Idee entstanden Diskussionen und Kollegengespräche mit Simon Reiss über Nietzsche, Macht und Erotik zu führen.

Ausgangspunkt war folgendes Zitat:

"Das Wahlrecht für Frauen wie die zunehmende Macht der Frauen in der Gesellschaft halte ich für höchst begrüßenswert, leider ist dies mit der Tatsache verbunden; dass es innerhalb der Frauen zu einer Machtverschiebung hin zu den erotisch machtvollen Frauen kommen wird, die die anderen Frauen stark benachteiligen wird und zu einer Machtasymmetrie innerhalb der Frauen führen", frei nach Max Weber Aussage getroffen ca ~1919 (!) und in Anlehnung an Ehefrau Marianne Weber, beide Frauenrechtler/in und Soziologe/in
Frage dazu: Hat er recht behalten? Ist seine Prognose eingetroffen ? ( wenn man fast 100 Jahre später auf diese Aussage zurück blickt?)

Es entwickelte sich eine spannende Diskussion, die wir etwas komplexer als das in einer Facebookgruppe möglich ist, hier auf Gedankenfetzen weiterführen wollen.

Ich freue mich auf einen spannenden Austausch mit Simon Reiss.

Zur Einleitung von Simon Reiss

Samstag, 2. Juli 2016

Urlaub und Theater

Pünktlich zu Urlaubsbeginn hat mich eine Erkältung ereilt. Mitten im Sommer. Das scheint das Selbständigensyndrom zu sein, krank wird man im Urlaub, weil ansonsten keine Zeit ist.

Meine Radausflüge und Unternehmungen sind so etwas zu kurz gekommen, dafür habe ich mir die Lesungen der Ingeborg-Bachmann-Preisanwärter angeschaut. Es gab eine sehr vielfältige Auswahl an Texten dieses Jahr, manches war richtig gut.
Auch an meinen eigenen Texten habe ich vermehrt gearbeitet, vor allem an Greta und Bernie, das als Kurztheaterstück schon eine Weile existierte, ohne eine zündende Idee, wie ich daraus ein abendfüllendes Stück entwickeln sollte. Die Struktur steht nun fest und ein gutes Drittel ist geschrieben. Das Überarbeiten wird diesmal auch nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen, da ich entgegen meinem sonstigen Schreibstil, kurze Sätze und eine reduzierte Sprache benutze, die der Inhalt und die Figuren selbst einfordern: Es geht um ein Ehepaar, das die Mitte seines Lebens bereits überschritten hat und nachdem die Karriere beendet, die Kinder aus dem Haus sind, nichts mehr mit sich anzufangen weiß. Ich glaube, es hat ein bisschen etwas Tragikkomisches, zumindest für mich. Ich schreibe das etwas vorsichtig, da viele meinen Humor nicht teilen können, für sie ist es möglicherweise ein ganz normales modernes Drama, auch gut. Aufführen könnte man es, meines Erachtens, so oder so. Nachdem das erste Theaterstück als unbrauchbar in der Schreibtischschublade verschwunden ist, hoffe ich, dass dieses wirklich gut wird. Noch ist es nicht fertig, aber bis jetzt ganz vielversprechend. Wozu Erkältungen alles gut sind.

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